Beim Halbmarathon-Abschlusslauf des NW-Gesundheitsprojekts „Lauf geht’s!“ sind die Teilnehmer keine Konkurrenten – sie laufen als großes Team. Trotzdem geht es für jeden Einzelnen um eine Menge.

„Ich versuche, so schnell wie möglich wieder im Stadion zu sein“, sagt Fabrice Dirks und gibt seiner Freundin einen Kuss. Der 29-Jährige aus Schloß-Holte geht ins Innenfeld des Leichtathletikzentrums Nord in Gütersloh, wo bereits weitere Teilnehmende von „Lauf geht’s!“, dem Gesundheitsprogramm der NW und der VIACTIV-Krankenkasse, auf den Start warten. Sie alle sind drangeblieben, haben Motivationslöcher überwunden, sich jede Woche in ihren Laufgruppen getroffen. All das, damit sie ein Ziel erreichen, das am vergangenen Sonntagmorgen für viele so greifbar ist wie nie zuvor: Sie möchten einen 21,1 Kilometer langen Lauf bewältigen. Eine Distanz, auf die sie ihre Trainer vom Active Sportshop, fein abgestimmte Ernährung, aber letztendlich vor allem sie selbst sich ein halbes Jahr lang vorbereitet haben.

Etwas Schönes bieten

„Ich bin auf jeden Fall nervös“, sagt Nadine Bensiek, bevor sie ihren Platz im großen Aufwärmkreis im Stadion-Innenfeld einnimmt. Nach der Geburt ihres dritten Kindes hat sie sich angemeldet „um wieder richtig fit zu werden“. Doch allein zu laufen, ist ihr wie vielen anderen einfach zu langweilig. Das Gemeinschaftsgefühl mache das Projekt erst besonders, sagt sie. Dann macht sich die erste Kleingruppe auf die erste von vier Fünf-Kilometer-Runden durch den Gütersloher Norden.

Eine knappe halbe Stunde kehrt, abgesehen von der motivierenden Laufmusik, Ruhe im Stadion ein. Projektleiter Stefan Gärtner ist über den reibungslosen Ablauf erleichtert: „Wir sind einfach froh, dass wir den Menschen in diesen schwierigen Zeiten etwas Schönes bieten können, aber vor allem, dass sie sich für die harte Arbeit in den letzten sechs Monaten, nun doch noch belohnen können.“ Mit mehr als 80 Newslettern, mehreren Videos, Chatgruppen und Einzelcoachings haben die Trainer und der Projektleiter alle Teilnehmer unterstützt. Im Juni konnten zudem die ersten Lauftreffs an den Standorten Bielefeld, Herford/Bünde und Gütersloh stattfinden.

Tolle Betreuung 

Plötzlich wird es wieder lauter. Von den Rängen am Stadionrand empfangen Familien und Freunde die ersten Läuferinnen und Läufer mit Schlachtrufen, lauten Klatschstangen und Motivationspostern. Fabrice Dirks biegt als erster bestens gelaunt in die Stadionrunde ein. Nur wenige Sekunden danach bewältigt an vierter Position auch Reinhard Linnenbürger die ersten fünf Kilometer. Mit seinen 73 Jahren ist er der älteste Teilnehmer. Seine Frau Petra feuert auf der langen Geraden zwar alle Teilnehmenden kräftig an, doch für ihren Mann knallen die Klatschstangen nochmal heftiger aneinander. „Hauptsache gut durchkommen“, sei sein Ziel, sagt er vor dem Start. „Aber eigentlich würde er schon ganz gerne wieder unter 2:30 Stunden bleiben“, verrät seine Frau. „Wieder“, denn für Linnenbürger ist es bereits die zweite Halbmarathondistanz in diesem Jahr. Zum Test ist er sie vor ein paar Wochen schon einmal gelaufen. Seine Oberschenkel und seine Achillessehne hätten früher beim Laufen nicht richtig mitgespielt. Die Methoden des Projektpartners von der Forschungsgruppe Dr. Feil hätten schließlich aber gezeigt, „dass man Probleme überwinden kann“, erklärt Frau Linnenbürger.

Gemeinsame Motivation

Obwohl alle ihr Bestes geben wollen, gehe es den meisten beim Abschlusslauf aber nicht darum „das Maximale rauszuholen“, sagt Lauftrainer Philipp Rother. Gemeinsam loszulaufen und im Training irgendwann zu merken, dass man nicht völlig erschöpft wieder ankommt, sei eine enorm motivierend. Sich gemeinsam immer wieder zu motivieren, „den Spannungsbogen auch in der Corona-Zeit hochzuhalten“ und Ängste zu nehmen, war für seinen Herforder Trainerkollegen und Headcoach Uwe Mohn letztlich der Schlüssel dafür, dass das Team trotz der widrigen Umstände so viele Läufer an den Start bekommen hat.

Alle erreichen Ziel

Nach zwei weiteren Fünf-Kilometer-Runden zeigt sich bei manch einem langsam die Anstrengung in der Mimik. Egal: Nur noch einmal aus dem Stadion und wieder zurück, das wissen sie alle. Gemeinsam bewältigen sie auch noch die Extra-Lauf-Schleife, die den Halbmarathon komplettiert. Der erste, für den das große orangene Zieltor der VIACTIV immer näherkommt, ist Fabrice Dirks. Gerade einmal zwei Stunden und 40 Sekunden benötigt er, um als erster die Ziellinie zu überqueren. Verloren hat heute niemand. Alle erreichen ihr Ziel und gewinnen die Sicherheit, dass sie ihren eigenen Körpern mehr zutrauen können, als sie vor einem halben Jahr meist noch gedacht haben. So auch Nadine Bensiek, die von ihrem Mann und ihren Kindern im Ziel bereits empfangen wird. Sichtlich erschöpft, aber glücklich „reicht’s jetzt erstmal“. Erstmal, denn weiterlaufen möchten die Allermeisten. „Aufhören wäre ja verrückt“, sagt Reinhard Linnenbürger, der mit 2:28 seine inoffizielle Wunschzeit und als achter das Ziel erreicht. Gerne würde er auch im nächsten Jahr wieder mitlaufen. Dann mit 74 Jahren und womöglich noch schneller.

Bericht von Maximilian Mühlenweg / Fotos von Sarah Jonek